1. Strophe:

Schon als ich einstieg in den D-Zug, ist der Knopf so gut wie ab. Er hängt nur noch am allerletzten Faden. Nur gut, dass ich’s zur rechten Zeit noch mitbekommen hab, sonst hätt ich heute wieder mal den Schaden. Ich nehm‘ Nähzeug aus der Tasche, hab die Jacke auf den Knien, zieh Sternzwirn in die Nadel, und dann im Handumdrehn beginne ich zu nähen im D-Zug zwischen Leipzig und Berlin.

2. Strophe:

Ich mach das nicht zum ersten Mal und komme ganz gut klar trotz Schienenstoß, Gepolter und Geschlinger. Durch Zufall Blick ich auf, und plötzlich werde ich gewahr, das ganze Abteil blickt mir auf die Finger. Ein sehr Dicker in der Ecke beäugt mich ganz genau und zeigt mir als Ergebnis der gründlichen Betrachtung ein Lächeln voll Verachtung. Zum Nähen hat er sicher seine Frau.

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3. Strophe:

Ein Mädchen, gar nicht hässlich, sitzt mir grad vis-a-vis und hat vor Spannung rote Wangen. Die hält mich offenbar für eine glänzende Partie und möchte ein Gespräch mit mir anfangen. Ein Student zu meiner Linken sitzt rauchend da und gafft. Die Rentnerin zur Rechten hört extra auf zu stricken und hätschelt mich mit Blicken. Da hab ich es, Gott sei Dank, geschafft.

Moral:

Da kann man mal sehn, wie es tatsächlich steht um Gleichberechtigung und Emanzipation: Ein Mann, der eigenhändig einen Knopf annäht, ist offenbar noch immer eine Sensation.